Durch den Prins-Karls-Vorland-Sund nach Norden

Mittwoch, 20.07.2005 :
Leonore:
So gegen 7 Uhr früh ging es wieder los. Der Anker wurde gelichtet und in gleißendem Sonnenschein ging es los Richtung Norden in den Prins-Karl-Vorlandsund. Zora und ich genossen die Sonne und brauchten nicht mal eine Jacke anziehen. Kurz bevor es los ging, wurde noch ein komisches Tier im Wasser gesichtet. Es sah aus wie ein durchsichtiger Glibberwurm, am vermuteten Kopfende rot und mit rudernden Fühlern. Es handelte sich um eine Flügelschnecke. Die ganze Fahrt war relativ ereignislos. Nur dass während unserer (Gabriels und meine mit Anke als Wachführerin) Wache von 12 bis 16 Uhr Nebel aufkam. Die Wache nach uns hatte dann mal was zu tun, weil sie die Lovis über eine Sandbank lotsen mussten. Die Wache von 0 bis 4 Uhr war ein Graus. Mir war eiskalt und langsam spürte ich das erste Mal in meinem Leben eine leichte Übelkeit an Deck. Dann kam ich auf die Idee, einfach immer im Kreis zu laufen, einigermaßen leise, damit die Leute in ihren Kojen nicht durch Getrampel aufgeweckt wurden. Doris lief dann ein paar Runden mit, sie sah durch ihren Kapuzenschirm tatsächlich grün im Gesicht aus. Jürgen hat mich dann aus meiner Weltuntergangsstimmung gerettet indem er mit mir weitergelaufen ist und wir so getan haben, als ob wir in einem herrlichen Wald spazieren gingen, mit Lianen, Mangos und Riesenbovisten. Ich war ihm so dankbar, und als ich dann, nachdem die nächste Wache uns abgelöst hatte, auch noch in der Kammer bei ihm nächtigen durfte, weil in unserer Achter-Kabine ein wundervolles Schnarchkonzert gehalten wurde, fiel ich endlich in den Schlafsack und konnte 8 Stunden am Stück schlafen, schlafen, schlafen...
Kalle:
Gestern, während der Wache von 4.00-6.00Uhr hatten wir blauen Himmel und Sonne satt. Habe um 6.00Uhr die nächste Wache geweckt, sie hievten den Anker und wir verließen die Ymersbukta und fuhren dann mit westlichem Kurs zum Ausgang des Isfjordes. Bald hatten wir den Eingang zum Prins-Karls-Vorland-Sund erreicht und änderten unseren Kurs nordwärts. Leider hatten wir Gegenwind und mussten weiterhin die Maschine bemühen. Der Vorlandsund wird bei etwa 2/3 seiner Länge von einer Sandbank gesperrt, die nur auf der westlichen Seite, dicht beim Vorland eine enge Durchfahrt offen lässt. Hier wurden in vergangenen Jahrhunderten sowohl englische als auch holländische Seglerflotten zur Umkehr gezwungen. Wir tasteten uns von 16.30 bis gegen 18.00Uhr vorsichtig hinüber. Rechtzeitig zu diesem Manöver wurde die Sicht schlecht, aber nicht zu sehr. Laut Echolot war das wenigste Wasser unter unserem Kiel 4.40m tief. Das Wetter wurde noch schlechter, der Norwind flaute ganz ab um bald einer nieselnde Brise aus südost (achterlich) Platz zu machen. Diese Brise frischt gegen 20.00Uhr auf und ab 20.30 haben wir erstmals das Großsegel gesetzt und unter Backstagsbrise etwa 5 1/2Kn erreicht. Wir segeln durch, ohne zu pausieren. Da die Sicht weiterhin schlecht bleibt gehe ich gegen 23.30 Uhr schlafen.
Donnerstag, 21.07.2005
Stehe dann heute um 3.30 auf um meine Wache um 4.00 anzutreten. Wir haben Leonore und Gabriel abgelöst. Sie waren völlig durchgefroren, gingen sofort schlafen und pennen jetzt um 10.30, da ich dies schreibe immer noch tief. Zum Frühstück trank ich etwa 3/4l Kaffe mit viel Zucker. Das erstaunt mich, denn Zucker im Kaffee schmeckt mir an Land überhaupt nicht, na vielleicht braucht der Körper die Kalorien sofort. Auch mussten wir feststellen, dass Gabriel und ich das Brot aus dem Kunstsauerteig der fertigen Backmischung nicht vertragen konnten. Wir hatten fürchterliche Blähungen, ständig Hunger und mussten bis zu fünfmal am Tag zur Toilette rennen. Wir ernährten uns während der folgenden Zeit nur noch von Knäcke und Zwieback. Inzwischen ist der Wind wieder eingeschlafen, die Sicht ist immer noch sehr schlecht, ich schlafe also auch weiter, denn um 16.00 bin ich wieder mit Wache dran. Das Tauziehen beim Segelsetzen und -bergen macht mich körperlich ziemlich alle... bin nichts mehr gewöhnt. 12.30Uhr, Leonore und Gabriel wachen, 13 Meilen nördlicher, der selbe Nebel, bleibe also liegen. Habe seit 16.00 Uhr Wache. Wir laufen gegen 17.30Uhr in den Raudfjord ein, tasten uns über Untiefen in eine zum Ankern geeignete Bucht. Etwas Kartoffelsuppe zum Abendbrot und dann ausbooten. An Land kurze Wanderung und fotografiert, ohne Erfolg nach Fossilien Ausschau gehalten, Plan für morgen überdacht. In den 3 Stunden an Land donnert es mehrfach vom Gletscher, da wollen wir auch noch hin. Um 22.00Uhr zurück an Bord, zwei Teller Suppe gelöffelt, Bilder überspielt, beide Sticks sind voll. Nach etlichen Verlustpartien 2mal gegen Ulli im Schach gewonnen. Da war er wohl ziemlich müde. Ich hatte normalerweise keine Chance. Ein Blick zur Uhr: es ist 0.10Uhr also bereits Freitag. In 4 Stunden ist wieder Wache. Also Zähne putzen, Katzenwäsche und ab in die Koje.