Die russische Eismeerstadt Barentsburg

Laut internationalem Spitzbergenvertrag von 1922 darf jede Nation auf Spitzbergen friedlich forschen, schürfen und bauen. Die Nation, die die umfangreichste wirtschaftliche Macht entfaltet, übernimmt die politische Verwaltung. Und das war bisher immer Norwegen. Aber während des kalten Krieges in den 60er und 70er Jahren muss wohl die Sowjetunion versucht haben, durch umfangreiche Wohn-, Sozial-, und Wirtschaftsbauten, sowie durch gesteigerten Kohleabbau an mehreren Stellen, Norwegen den Rang abzulaufen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes ist aber wahrscheinlich sowohl das Interesse erloschen, als auch kein Geld für Forschung und Meteorologie vorhanden. Also stehen die Häuser leer, die Arbeit schleppt sich hin und der Verfall ist überall deutlich zu sehen. Immerhin gibt es den allbekannten "Zentralen Leninplatz." Über allem trozt aber eine moderne, stahlzaunbewehrte und videoüberwachte Regierungsburg. Es gibt ein kleines Kirchlein und Leute, die einem auf offener Straße Souveniers andrehen oder Alkohol kaufen wollen. Die Sporthalle und die Schwimmhalle sind sehr sauber, wenn auch hier deutlich zu sehen ist, dass das Geld für die nötigsten Reparaturen fehlt. Über allem strahlt ein weiß auf den Felsen gesprühter Stern und die Losung "Frieden der Welt", weiter unten eine Leninbüste und Plakate mit forschen Sprüchen über den Fortschritt. Im Museum konnte ich den Kindern die Begriffe "Straße der Besten" und "Traditionsecke" aus der Zeit vor 1990 am praktischen Beispiel erläutern. Sehr beeindruckt hat mich ein LKW ohne Rückspiegel mit hinterer Doppelachse. Der einen dieser beiden Achsen fehlten die Räder. Der Fahrer sollte an einer Rampe des örtlichen Kaufladens etwas abladen und fuhr unbekümmert rückwärts, bis es deutlich krachte. Er war dran. Am Hafen stapelten sich viele Container mit rostigem Schrott, das scheint bei den heutigen Weltmarktpreisen für Stahl ein besseres Geschäft zu versprechen als Kohle abzubauen.
In einem meiner schlimmsten Alpträume erlebte ich unser Land zwanzig Jahre später, ohne das die Wende stattgefunden hatte, in einem ähnlichen Zustand.